FAQ zum Twitterkönig*

Volker Beck twitter im Bundestag

Volker Beck twittert im Bundestag (Foto: Kohlmeier)

Regelmäßig erreichen mein Büro die gleichen Fragen. Warum twittern Sie? Sind Sie selbst bei Facebook oder beispielsweise auch: Welche Chancen und Gefahren haben neue Medien. Auf die gängigen Fragen Finden Sie hier die Antworten.
[*Der Titel des Twitter-König wurde von heise.de verliehen]

Welche Web-2.0-Kanäle nutzen Sie? Und seit wann?

2005 bot ich als erster Politiker eine regelmäßige online-Sprechstunde bei GayRomeo an. Seit 2008 nutze ich vor allem Facebook und Twitter. Seit 2010 nutze ich – oder in diesem Fall besser gesagt mein Team – auch Youtube . Außerdem betreibe ich mein eigenes Blog: BECKSTAGE. FlickR habe ich 2010 mal ausprobiert, aber nicht durchgehalten. Instagram habe ich noch nicht ausprobiert.

Twittern sie selbst?

Ja.

Warum twittern Sie?

Ich twittere, also bin ich. Pipio ergo sum.

Welche Wirkung versprechen Sie sich von Ihren Aktivitäten auf Twitter?

Twitter fördert flache Hierarchien. Ich kann schneller den direkten Austausch mit interessierten Menschen suchen.

Was bringen Ihnen die neuen Kanäle?

Ich fühle mich durch das Web 2.0 früher informiert und kann schneller mit der Meinugsbildung beginnen. Informationen und Debatten schlagen meist in sozialen Netzwerken früher auf. Als Menschenrechtspolitiker kann ich mich so über Themen informieren, die sich kaum in den Medien wiederfinden, aber trotzdem wichtig sind.

Nutzen Sie auch Youtube?

Die Antwort finden Sie bei Frage 1.

Hat Youtube noch Potential?

Wenn ich mir Kommentare unter Youtube-Videos ansehe, entsteht schnell der Eindruck, zufällig die Internet-Mülldeponie entdeckt zu haben. Und wenn ich nach Musikvideos suche, bekomme ich meist nur den Hinweis, dass ich das Video in diesem Land nicht sehen kann. Trotzdem glaube ich, dass Youtube – oder ein alternatives Videoportal – auch in Zukunft noch mehr Potential haben wird.

Warum haben Sie sich ursprünglich dazu entschieden, zu twittern?

Siehe Antworten 2, 3, 4 und 5.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die politische Kommunikation im Web-2.0-(3.0 oder X.0)-Zeitalter ändern?

Die „Politik der Hinterzimmer“ und die Top-Down-Kommunikation wird es immer schwerer haben, und das ist ein Verdienst des Web 2.0. Es wird in den kommenden Jahren zu einer Selbstverständlichkeit werden, dass Politiker ihre politische Arbeit im Web 2.0 präsentieren – und sich dafür auch rechtfertigen müssen.

Ist Twitter ein Durchlauferhitzer für Gesamtgesellschaftliche Debatten?

Nicht jedes Twitter-Trending-Topic findet auch in die Debatten außerhalb von Twitter oder in die klassischen Medien statt. Seit Mitte 2011 gehört es allerdings auch langsam für Journalistinnen und Journalisten zum guten Ton, bei „diesem Twitter“ zu sein. Das merkt man daran, das dass, was auf Twitter gesagt und diskutiert wird, zunehmend in der Berichterstattung zitiert wird.

Bildet Twitter ein gesellschaftspolitisches Spiegelbild?

Nein. Definitiv nicht. Für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus Zivilgesellschaft und Politik gehört Twitter inzwischen dazu.

Woher beziehen Sie Ihr Wissen/Ihr Know-how in Sachen Web 2.0 und politische Kommunikation? Arbeiten Sie z.B. mit einer Agentur in diesem Bereich zusammen?

Learning by doing. Und von meinen Freundinnen und Freunden.

Was halten Sie von Usern, die das Medium rein als Selbstvermarktungsinstrument nutzen ohne jeden weiteren Informationsgehalt?

Meinen Sie damit Boris Becker? Seine Followerzahlen sprechen für ihn.

Wozu schweig der Twitterkönig, gibt es thematische Grenzen?

Privates bleibt privat. Das halte ich bei Twitter so wie bei der Presse.

Gibt es Regeln, an die man sich beim Twittern halten sollte?

Was sich offline nicht gehört, ist online auch nicht erlaubt.

Wie ändert sich eigentlich Ihre Art zu kommunizieren mit der Nutzung neuer Kanäle?

Manchmal ist es schwer, den Durchblick zu halten. Es gibt Tage, da kommuniziere ich gleichzeitig per Telefon mit Journalisten, über Email mit meinem Büro, per SMS mit Kollegen und via Twitter und Facebook mit Bürgerinnen und Bürgern.

Unabhängig von Ihren eigenen Web-2.0-Aktivitäten: Wie glauben Sie wird sich die politische Kommunikation durch neue Kanäle verändern?

Durch das Internet hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten das politische Tempo unaufhaltsam erhöht und gleichzeitig neue Möglichkeiten der Transparenz geschaffen. Zum einen können wir nun bei Protesten in Iran oder Ägypten oder bei einer Demo gegen die rechtsextreme Partei Pro Köln via Twitter, Facebook live dabei sein. Zum anderen werden beispielsweise auf Youtube Schandtaten dokumentiert und keiner kann mehr sagen, er habe von nichts gewusst.

Wie nutzen Sie diese? (z.B. Periodizität, Intensität. Ereignisbezogen oder „intuitiv“?)

Zuerst kommt die Arbeit, dann Twitter und dann Facebook. Im Mittelpunkt meines Handelns steht mein Abgeordnetenmandat.

Was merken Sie heute schon an Veränderungen in der politischen Kommunikation (bezogen auf We-2.0-Kanäle)?

Politische Kommunikation wird schneller und manchmal transparenter und partizipativer. Und: Journalisten sind nicht mehr die Gatekeeper der Kommunikation zwischen Politik und Zivilgesellschaft.

In wiefern betrachten Sie die Kommunikation über Twitter als Dialog mit Ihren Followern?

Würde ich Twitter nur für Monologe nutzen, würden mir keiner folgen.

Was würden Sie sich von Twitter wünschen?

Ironie und Humor in Tweets versteht nicht jeder. Grundsätzlich ist die Bereitschaft zu Ironie und Humor noch steigerungsfähig.

Welche Wertigkeit wird innerhalb Ihrer Partei/Ihrer Fraktion dem Thema Web 2.0 & politische Kommunikation beigemessen?

Wir Grüne waren schon immer offen für die neue technische Entwicklungen. Das Web 2.0 bietet eine Chance für mehr Transparenz und Partizipation. 2005 waren wir die erste Partei, die ihr Wahlprogramm zum Teil in einem Wiki, offen diskutiert und geschrieben hat. Partizipation wird bei Grünen groß geschrieben, weshalb ich glaube, dass sich da noch viel verändern wird.

Wie sehen Sie die Grünen im Parteienvergleich?

Wir sind die einzige Internetpartei im Deutschen Bundestag.

Welche Rückkopplungen, die vor z.B. einem Jahrzehnt noch nicht möglich waren, erhalten Sie heute seitens Ihrer „Zielgruppe“ (Ihrer Wähler/potenziellen Wähler)?

Wer mir widersprechen möchte, muss nicht mehr warten, bis der Brief oder das Fax auf meinem Schreibtisch liegt oder ein Leserbrief in der Lokalpresse gedruckt wurde. Jede Aktion von mir erzeugt sofort eine Reaktion.

Wird es dann auch persönlich, zum Beispiel im digitalen Zwiegespräch mit Frau Steinbach?

Bei Twitter findet ja kein Zwiegespräch statt, da alle mitlesen. Übrigens poltert Frau Steinbach bei Twitter nicht anders als im Parlament.

Sind diese Reaktionen repräsentativ?

Nein. Auch wenn man täglich auf Leute trifft, die für sich allein proklamieren, die wütende und alleinige Stimme des gesamten Volkes zu sein.

Sind diese Rückkopplungen Ihrer Meinung nach gut oder schlecht?

Ich muss zwar damit leben, dass bei mir auch immer ein paar homophob-rassistisch-antisemitische Arschgeigen in die Timeline kotzen. Grundsätzlich halte ich Feedback aber für wertvoll.

Welche Chancen aber auch welche Risiken sehen Sie durch Web-2.0-Instrumente?

Die Antwort finden Sie in den anderen Antworten.

Wie kommt es, dass Sie so viele Follower haben, was denken Sie?

Ich habe schon getwittert, da hat Peter Altmaier noch das Internet ausgedruckt.

Sind Sie bzw. Ihre Tweets schon missverstanden worden?

Ja. (Siehe Frage zu Humor und Ironie)

Was war ihr erfolgreichster Tweet?

Ein kurzer Schlagabtausch auf Twitter zwischen dem Regierungssprecher Seibert und mir. In wenigen Stunden kamen hunderte neue Follower hinzu.

Werten Sie den „Erfolg“ ihrer Tweets aus – wenn ja, wie?

Ich freue mich über jeden Retweet, Favstar oder wenn ich in der Zeitung statt auf meiner Pressemitteilung mit einem Tweet zitiert werde. Grundsätzliche twittere ich aber das, was ich will und wovon ich überzeugt bin und nicht das, was den Followern gefallen würde.

Wem folgen Sie selbst am liebsten?

Le Monde @lemondefr ☛ Da mein Herz schon immer sehr an Frankreich hängt und ich nicht den Anschluss verlieren will.
Publikativeorg @publikativeorg ☛ Das Watchblog zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, selten mit erfreulichen Tweets, aber darum geht’s hier ja auch nicht. Hinschauen, widersprechen, diskutieren!
Netzpolitik @netzpolitik  ☛ Netzpolitisch ein Muss!
Das war jetzt aber kein Geheimnis. Das steht auch auf SPON. Außerdem sehr zu empfehlen ist der LSVD (@LSVD), weil ich dort meine politischen Wurzeln habe und dieser die wichtigste Stimme von LGBT in Deutschland ist.

Welche Instrumente planen Sie künftig in Ihre Kommunikationsstrategie einzubeziehen?

Für neues bin ich immer offen. Momentan fühle ich mich mit Twitter und Facebook aber schon ganz gut versorgt.

A propos Strategie: Bitte geben Sie mir eine Idee, wie Sie Web-2.0-Kanäle in Ihre übergeordnete Kommunikationsstrategie einbinden?

Die Einbindung von Twitter und Facebook ist fester Bestandteil meiner Kommunikation.

Warum haben Sie bei Facebook eine Fanpage und ein privates Profil?

Facebook erlaubt mir nur 5.000 FreundInnen zu haben. Da die seit längerem voll sind, muss ich neue Anfragen auf meine Fanpage verweisen. Dort poste ich – in Ausnahmen mein Team – aber das gleiche wie auf der privaten Facebook-Seite.

Ich habe Ihnen bei Facebook eine Freundschaftsanfrage geschickt. Warum bestätigen Sie nicht?

Die Antwort finden Sie in der vorherigen Frage.

Sind Sie oder ihre Mitarbeiter hinter dem Facebook-Profil versteckt?

Grundsätzlich mach ich das selbst. Was mein Team postet, wird auch so markiert.

Sie bloggen auch selbst?

Ja. Aber sehr unregelmäßig. Mein Blog Beckstage habe ich 2008 eingerichtet. Mit Beckstage habe ich mir einen freien Raum für Gedanken geschaffen, der so nicht auf eine Website passen würde.

Warum nutzen Sie kein Instagram?

Weil ich noch nicht verstanden habe, warum ich mein Essen zuerst posten muss, bevor ich davon probieren darf.

Ein Gedanke zu „FAQ zum Twitterkönig*

  1. generatoren

    Nach dem kommunikativen Desaster im Zusammenhang mit der Neufassung des Rechts eingeschränkter körperlicher Unversehrtheit männlicher Kinder, sich hier auf die Schulter zu klopfen, zeigt schon ordentlich Chuzpe. Übrigens hielt ich „Arschgeige“ aus dem Mund eines Homosexuellen bisher für ein Kompliment.

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