Konservative suchen nach Bewahrenswertem – Was ist denn hier christlich?

Der Koalition laufen bei den Umfragen die Anhänger in Scharen davon. Die reale Lobbypolitik für Atomlobby und Hoteliers kommt eben schlechter an als die leeren Wahlversprechen von „mehr Netto vom Brutto“. Nachdem der x-te Neustart der Koalition den Motor auch nur weiter stottern lässt, empfehlen viele in der Union zur Mobilisierung des früheren Stammpublikums der Partei: die Schärfung des konservativen Profils und ein paar Schritte nach rechts. Dabei offenbart die CDU, dass sie gar nicht weiß, was sie eigentlich bewahren will. Die Profilsuche wird so zum etwas hilflosen Stochern im Nebel:

Schon länger versucht die Union mit einer rein innenpolitisch orientierten Kampagne für die verfolgten Christen (praktisch folgt dagegen zwar nichts daraus) statt für die Glaubensfreiheit aller religiös Verfolgten evangelikales und konservativ katholisches Milieu an sich zu binden. Gliederungen der Jungen Union wollen die Familien- und Gesellschaftspolitik wieder in Fraktur schreiben, Generalsekretär Gröhe unterstützt Steinbachs Vorschlag, den 5. August, dem Jahrestag der Verkündung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen, für einen nationalen Gedenktag für die deutschen Heimatvertriebenen, und jetzt hat Laschet als Abgrenzung zu den Grünen das christliche Menschenbild entdeckt.

Gegenüber der Welt sagt er in einem Interview:

„Wir müssen die intellektuelle Auseinandersetzung mit den Grünen führen. Das christliche Menschenbild ist der fundamentale Unterschied zwischen uns und ihnen.…

Das christliche Menschenbild ist immer eindeutig. Deckungsgleichheiten sind ja in Ordnung. Aber das Bild vom Menschen als Individual- und Gemeinschaftswesen gleichermaßen fehlt bei den Grünen oft. Dort denken viele entweder kollektivistisch oder liberalistisch.“

Eindeutig an dieser Aussage ist allenfalls eines: Laschet reklamiert für die Union das Christentum, setzt es als Keule gegen die politische Konkurrenz ein, ohne auch nur im Ansatz sagen zu können, was das christliche Menschenbild an praktischer Politik für die Union bedeutet.

Was ist denn an der Unionspolitik nun so besonders christlich? Wofür hat sie sich denn bei wichtigen Fragen entschieden: Für die Bewahrung der Schöpfung oder für die Verlängerung der AKW-Laufzeiten? Oder sehen wir uns die konservative Menschenrechts- und Flüchtlingspolitik an: In puncto Menschenrechtspolitik ist es bei der Union wie im Kino, je weiter die Menschenrechtsverletzungen weg sind, umso klarer werden sie erkannt und verurteilt. Wenn der Flüchtling aber an die Tür klopft, der vor diesen flieht, ist es mit dem Einsatz für Menschenrechte auch schnell wieder vorbei.

Und nun lieber Kollege Laschet, jetzt einmal von Christ zu Christ:

Wir Christen tragen, wenn wir es ernst meinen, unser Christentum nicht als Monstranz vor uns her, denn das wäre sonst ganz unchristlich:

„Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Schulen und an den Ecken auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn aber du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viel Worte machen“ (Matthäus: 6 5-7)

Im Übrigen gilt: An ihren Taten, nicht an ihren Worten sollt ihr sie erkennen!

Wenn es um den Schutz von Flüchtlingen, um den Zugang zur Gesundheitsversorgung von Illegalen, um die Aufnahme von Menschenrechtsverteidigern in Deutschland geht, kann die Union künftig gern beweisen, dass es ihr ernst ist, mit dem christlichen Menschenbild; denn „was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Matth. 25:40).

Grundsätzlich bin ich der Auffassung, dass man die eigene Politik nicht religiös begründen sollte. Weil der damit verbundene Absolutheitsanspruch etwas so Unbedingtes hat, dass er den demokratischen Diskurs um eine humanistisch begründete Ethik in der Politik tötet. Aber selbstverständlich haben WIR Christen in die ethische Debatte etwas einzubringen, das auch Nichtchristen – Juden, Muslime, Buddhisten, Hindus, Baha’i, Säkulare, u.a. –unterschreiben können.

Wir, Bündnis 90 / Die Grünen, sind zwar keine christliche Partei, sondern offen für Menschen aus verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Richtungen. Aber für Christen allemal eine gute Alternative.

4 Gedanken zu „Konservative suchen nach Bewahrenswertem – Was ist denn hier christlich?

  1. Lilly

    Ja, ich denke die Union sollte ihre Vorstellung des Gemeinschaftswesens durchaus auch öffentlich verstärkt zeigen. Der aktuelle Beitrag der NEON über Asylbewerber und dessen Unterbringung ist erschreckend. Das hat weder etwas mit wahrer, christlicher Güte, noch mit menschenswürdiger Politik zu tun!

  2. m3t4b0m4n

    Hi,

    ich frage mich bei den Grünen immer wieder, worauf man sich bei euch verlassen kann. Frauen, Atom, Bio, das sind Eure Kernthemen und da fallt ihr auch nicht um. Aber alles andere Themen sind nur Verhandlungsmasse auf dem weg zur Macht, muss man denken, wenn man sich die Vorratsdatenspeicherung oder den Jugendmedienstaatsvertrag anschaut. Ebenso vermisse ich eine klare koalitionsabsage in BaWü gegenüber der S21-CDU. In NRW wurde Rüttgers geschohnt, bis schwarz-grün unmöglich wurde, dann wurde aus allen Rohren Deckungsfeuer für rot-grün gegeben und am Schluss sogar den Piraten die Schuld an den fehlenden prozenten gegeben.

    Worauf kann man sich bei den Grünen noch verlassen fragt jemand, der euch jahrelang gewählt hat.

    m3.

  3. Sophie Beaumont

    „was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“
    Die Grünen tragen die politische Verantwortung für millionenfache Abtreibungen. Herr Beck, sie bezeichnen sich in obigem Artikel als Christ. Was tut sie, um die massenhafte Tötung von ungeborenem Leben zu verhindern? Abtreibung als „modern“ zu bezeichnen, wie es ihre Parte üblicherweise tut?

  4. Richard Depardiö

    Hallo Herr Beck,

    ich war bisher eigentlich immer sehr skeptisch gegenüber Ihrer Haltung zu Christen. (Vor allem Ihre Reaktionen auf das „Christival“ damals in Bremen fand ich extrem übertrieben.) Und die Grünen an sich passen irgendwie unterm Strich doch nicht so zu meinem Weltbild. Aber abgesehen davon, dass ich nichts dagegen tun kann, dass Sie mir schon immer sympatisch waren, merke ich mehr und mehr, dass mir Ihre Ansichten (zum Verhältnis Christsein und Politik) an sich gefallen und dass ich da wohl meine Meinung über Sie revidieren muss.

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