Pussy Riot und die RAF – Geht’s noch, FAZ?

Wer solche unabhängigen Medien im Ausland hat, kann sich seinen eigenen Propagandaapparat fast sparen. Falls Wladimir Putin am 2. September durch Zufall die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in den Händen gehalten haben sollte, wird er sich vermutlich gefreut haben. In dem Artikel „Bomben aus der Spaßgerilja“ (ja, genau so geschrieben) war dort an prominenter Stelle auf Seite 3 zu lesen: „Vom Happening zum Terror – die RAF hat eine Vorgeschichte. Ihre Protagonisten stammten zum Teil aus der Künstlerszene. Die Idee, Gewalt anzuwenden, schwang jedoch von Anfang an mit. Parallelen zu den russischen Anarchisten, die jetzt so viel von sich reden machen.“

Soso. „Pussy Riot“ (und mit ihnen noch eine ganze Reihe anderer russischer Künstlerinnen und Künstler) sind also die Vorboten einer russischen RAF. Sie selber und ihre Nachfolger zweiter und dritter Generation werden vermutlich dutzende Gewalttaten verüben und Menschen töten. Das kann man jetzt schon sagen, denn: sie machen politische Kunst. Liebe FAZ, geht’s noch?

Wer die Diffamierung der russischen Künstlerinnen und Künstler gleich zu Beginn des Artikels liest und sich daraufhin durch die nächsten Absätze kämpft, bekommt erst mal nichts Erhellendes geliefert, was den Verfasser zu seinem abenteuerlichen Vergleich gebracht haben mag. Stattdessen versucht sich der Autor des Artikels, Herr Markus Wehner, an einer konservativ-reaktionären Geschichtsstunde über die Anfänge der Studentenbewegung und der RAF. Alles schön miteinander vermengt. Alle in einen Sack und immer feste druff. Dabei zeigt Herr Wehner, dass er sich weder mit der widersprüchlichen Geschichte der APO, noch dem Irrweg von Gewalt und Terror der RAF wirklich beschäftigt hat. Er wiederholt einfach nur alte spießbürgerliche Ressentiments, um später unstatthafte Bezüge zur Jetztzeit herzustellen. Ja, liebe FAZ, die Stammleser werden rarer, seitdem die jungen Leute immerzu nur dieses Internet lesen. Aber muss es gleich so plump sein? Wenn eine herausragende Zeitung ihr eigenes Niveau in einem einzelnen Artikel so derartig unterschreitet, dann ist das beschämend.

Offenbar hat Herr Wehner es nicht so mit der politischen Kunst. Die Brutalität, die Gewalt und das Morden der RAF – in seinen Augen hat all das wohl in der Kunst seinen Ursprung. Andreas Baader habe einen seinen Mittäter aus der Brandstiftung in einem Frankfurter Kaufhaus schließlich „beim Straßentheater kennengelernt“. Und ein anderer war Horst Söhnlein, „ein Bekannter Baaders aus der Münchner Künstlerszene, der das „action-theater“ geleitet hatte.“ Mit in die Schublade gehört natürlich auch die Kommune 1. Ihr Mitglied Dieter Kunzelmann, so betont Wehner, habe sich „Anfang der sechziger Jahre […] in der Münchner Künstlergruppe SPUR herumgetrieben.“ So geht es dann weiter. Die Beweise sind also stichhaltig. Der Terror hatte seinen Ursprung in der Künstlerszene. Dass die Freiheit der Kunst ein Grundrecht ist, vergisst der Autor leider zu erwähnen. Und dass Kunst sich auch gegenüber konservativen Leitmedien nicht zu legitimieren braucht, auch.

Die Gewalttaten der RAF waren abscheulich und verbrecherisch. Es gab und gibt dafür keinerlei Rechtfertigung. Umso interessanter wäre es zu wissen, ob sich Herr Wehner eigentlich mal gefragt hat, wie viele Straßenkünstler es in den späten 60er Jahren in Deutschland gab, die weder Bomben gebastelt, noch Menschen erschossen haben? Und hat er sich mal gefragt, wie sie sich fühlen, wenn sie mal eben so pauschal in die Nähe der RAF-Mörderinnen und -Mörder gerückt werden? Vermutlich nicht.

Klar ist: Gewalt im Namen der Kunst bleibt Gewalt und muss geahndet werden. Das gilt auch für Gewalt gegen Sachen. Polizeiautos anzuzünden ist kein Statement, sondern eine Straftat. Aber muss man aufgrund dieser Entgleisung die gesamte Szene russischer Künstlerinnen und Künstler in Sippenhaft nehmen? Herr Wehners absurder Vergleich zu den Anfängen der RAF bezieht sich ja keineswegs nur auf die radikale Gruppe „Woina“. Sondern beispielsweise auch auf die drei Frauen von „Pussy Riot“, die nach mehr als sieben Monaten Untersuchungshaft in einem absurden Prozess zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt wurden. Und auf ihre beiden Bandkolleginnen, die aus Russland geflohen sind, weil sie ein genauso unverhältnismäßiges und drakonisches Verfahren befürchten müssen.

Man kann über „Pussy Riot“ unterschiedlicher Meinung sein. Ich finde ihre Aktion – das „Punk-Gebet“ in der Erlöserkathedrale in Moskau – großartig. Obwohl ich mir der Tatsache bewusst bin, dass sie die religiösen Gefühle vieler Menschen verletzt hat. Obwohl ich eine solche Verletzung prinzipiell nicht gut heiße. Und obwohl man auch in Deutschland für eine solche Tat wohl eine Geldstrafe bekäme. Das ist hier aber nebensächlich – denn dass es sich bei der Aktion um Kunst gehandelt hat, ist wohl nach jeder Definition des Begriffes „Kunst“ unstreitig. Ganz konkret handelte es sich dabei um gewaltfreie politische Kunst, um den Widerstand gegen die Allianz aus Putins Kreml und der russisch-orthodoxen Kirche. Um den Widerstand gegen ein System, das selber ständig das Recht bricht und auf Gewalt setzt. Diesen friedlichen Widerstand mit Terrorismus zu vergleichen, ist ein absolutes Unding.

Was genau findet Herr Wehner an der politischen Kunst in Russland nur so abschreckend? Ich habe in Moskau sowohl wortwörtlich als auch im übertragenen Sinne schmerzhafte Erfahrungen machen müssen. Ich finde es erschreckend, wie die Polizei, die Justiz und die Verwaltung sich zynisch über die Menschenrechte hinwegsetzen. Können wir hier uns wirklich zurücklehnen und sagen, dass der Widerstand gegen dieses System ästhetisch und geschmacklich einwandfrei zu sein hat? „Die Idee, Gewalt anzuwenden, schwingt so von Anfang an mit.“ Diesen auf die RAF gemünzten Satz legt er analog auch auf die russischen Künstlerinnen und Künstler an. Man muss also fast dankbar sein, dass zumindest die drei jungen Frauen von „Pussy Riot“ im Knast sitzen. Andernfalls hätte es vermutlich schon Tote gegeben. Angesichts dessen mag es verwundern, dass sich Herr Wehner mit dem Strafmaß für die drei zufriedengibt. Denkt man sein diffuses Puzzle zu Ende, müsste er eine lebenslange Haftstrafe fordern. So rein präventiv.

Man muss „Pussy Riot“ nicht mögen. Aber man muss dafür kämpfen, dass es Freiräume für die Kunst und für den Protest gibt. Denn es ist unsere Pflicht, sich für die Menschenrechte einzusetzen. Und nicht mit perfiden Pseudovergleichen eine Drohkulisse aufzubauen, die gar nicht existiert. Was hat den Autor nur geritten, solch einen gegenaufklärerischen Artikel zu verfassen? Es mag ja sein: Das Russlandbild der deutschen Medien ist einseitig. Die Tendenz zur Vereinfachung und Verkürzung eines komplexen Sachverhalts wie dem der russischen Politik wird den dortigen Verhältnissen nicht gerecht. Insofern ist es bestimmt nicht verkehrt, Russland auch mal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten. Und mag dieser neue Blickwinkel auch ruhig erzkonservativ sein. Aber muss man deswegen die Menschen diffamieren, die in Russland politische Kunst machen? Muss man die Kreml-Propaganda nachbeten, nach der die drei verurteilten Frauen von „Pussy Riot“ nichts weiter sind als terroristische Rabenmütter?

Möglich, dass Wladimir Putin die FAZ liest. Zwar benötigt er Markus Wehners Schützenhilfe wohl eher nicht, um sein Regime am Laufen zu halten. Er dürfte sich wohl dennoch sehr gefreut haben. Für die Bewertung des Artikels ist das unerheblich. Mit seinem Artikel betreibt Herr Wehner in erster Linie eines: Verleumdung.

9 Gedanken zu „Pussy Riot und die RAF – Geht’s noch, FAZ?

  1. Jörn

    Die einfache Formel von Herrn Beck: Kunstfreiheit > Religionsfreiheit > Körperliche Unversehrtheit

  2. Pingback: Pussy Riot: Medwedew findet Strafe zu hart. Irgendwie.

  3. Benz

    Das war ein sehr mutiger Artikel in der FAZ, er hob sich wohltuend ab vom sonstigen Einheitsbrei. Die FAZ hat die Ehre der deutschen Presse gerettet, indem sie nicht mit dem Strom schwamm, sondern den Mut zu einer objektiven Analyse hatte.

    Die Pussen haben mit ihrer Tat “nur“ die Religions- und Glaubensfreiheit verletzt. Aber ihre Nachahmer gehen bereits weiter: Von Sachbeschädigung (umgesägte Kreuze) bis hin zu Mord (kurz nach dem Prozess brachte ein Täter 2 Frauen um und schrieb mit ihrem Blut “Freiheit für die Pussen“ an die Zimmerwand). Und bereits vor Monaten wurde in Moskau der Täter gefasst, der mit einer Axt ins Gericht stürmte und den für den Pussen-Fall zuständigen Richter erschlagen wollte.

  4. Düsentrieb

    § 167 Störung der Religionsausübung

    (1) Wer 1.
    den Gottesdienst oder eine gottesdienstliche Handlung einer im Inland bestehenden Kirche oder anderen Religionsgesellschaft absichtlich und in grober Weise stört oder
    2.
    an einem Ort, der dem Gottesdienst einer solchen Religionsgesellschaft gewidmet ist, beschimpfenden Unfug verübt,
    wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
    (2) Dem Gottesdienst stehen entsprechende Feiern einer im Inland bestehenden Weltanschauungsvereinigung gleich.

    Wie hoch war die Freiheitsstrafe für Pussy Riot? Zwei Jahre? Passt doch.

  5. Albrecht am Feld

    Sehr geehrter Herr Beck,

    nur drei Anmerkungen:
    1. Dieser Artikel war in der hiesigen Medienlandschaft der einzige, soweit ich sehen konnte, der mal einen anderen Blick auf die in der russischen Bevölkerung sehr umstrittene Aktion der Pussy-Riot geworfen hat. Von diesem seinserseits pointierten Beitrag abgesehen, haben die Medien kampagnenartig Partei für die geschmacklose Aktion ergriffen. Eine abwiegende, vorsichtige, insbesondere auch das russische Meinungsbild zutreffend widergebende Darstellung war fast nirgends zu finden. Ich habe diesen Artikel daher erleichtert zur Kenntnis genommen. fast eine kleine Rettung der Meinungsvielfalt im bundesdeutschen Blätterwald.
    2. Sie schreiben, daß Sie eine Aktion, von der Sie zugeben, daß sie die religiösen Gefühle vieler Menschen verletzt hat, ausdrücklich großartig finden. Herr Beck, Sie kämpfen für Toleranz und Respekt für Ihre Anliegen? Gehen Sie doch Ihrerseits mit gutem Beispiel voran und respektieren Sie diejenigen, von denen auch Sie Respekt erwarten! So geht Kulturkampf, versöhnter Weg in eine offene Gesellschaft wäre anders zu haben.
    3. Dieses muß hier noch gesagt werden: Noch niemals habe ich einen mit seiner belehrenden Arroganz und anmaßenden Ignoranz so unmöglichen Text gelesen, wie diesen interfraktionellen Protestbrief an den russischen Botschafter.

    Albrecht am Feld

  6. Denis

    Die Benz´sche Desinformation in den Userkommentaren der taz findet ihre Fortsetzung hier. Es gibt keinen Nachahmer von Pussy Riot, der einen Mord begangen hat. Die Mordgeschichte war eine Beziehungstat, der Täter hat den Spruch „free pussy riot“ nur als Ablenkungsmanöver benutzt, die Sache ist längst aufgeklärt, da tut Benz so als ob er das alles nicht wüsste. Markus Wehner ist offenbar nicht bewusst, dass er mit seiner verspäteten Abrechnung gegenüber der RAF das schmutzige Propagandaspiel des Kreml gegen die Freiheit der russischen Bürger mitspielt, ein Journalist sollte mehr Hirn haben.

  7. Benz

    @Denis
    Und der Täter, der den zuständigen Richter erschlagen wollte? Das war wohl auch nur ein Beziehungsdelikt?
    Oder der Münchner, der letzte Woche ein Gemälde in der Moskauer Kathedrale mit Tinte bespritzte? Der hat klipp und klar ausgesagt, er habe mit seiner Tat die verhafteten Pussen unterstützen wollen.

  8. Anti Musik

    Sehr geehrter Herr Volker Beck

    Ich mein es gib Ja sehr viele Leute die wahnsinnig sind und voller Hass in sich tragen ich will ihnen ja nicht zu nahe treten aber wie würden sie sich den fühlen wenn jemand sie Beleidigen tut klicken sie mal auf diesen Link oder fügen sie ihn ein hören sie sehr genau zu was dieser Musiker dessen Musik richtung ehr Satanisch und ein fall Der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPJM) ist ihnen zu sagen Hat und sagen sie mir bitte dann ob alles Friede freude Eier Kuchen ist Wir als Eltern Haben Kinder und mit so ein Scheiß entschuldigen sie meine ausprache aber es muss mal gesagt werden Das kann so nicht weiter gehen die BPJM muss was Unternehmen

    bitte Sehr: http://mrtzcmp3.net/Ich_und_der_Tod_%28Alles_ist_so_Volkersohn%29_4s.html

    Schauen sie sich mal sein Nächstes Album an mal vom Titel des Albums kaum die rede Anti_Chr1st noch Satanischer geht es Ja nicht Ne Traurig was mache Menschen mit Unseren Kindern Anstellen

    http://www.distributionz.com/web/cms/front_content.php?idcat=6&idart=1289

    Schauen sie sich bitte mal dieses Abscheuliche Video an den Titel das Video algemein und schauen sie sich bitte die Kommentare an bitte den ersten das spricht ja für sich

    http://www.youtube.com/watch?v=F7fTv2OwGNI

    Und genau dieser Typ Hat sie beleidigt und mit dem tot gedroht entschuldigen sie wieder bitte meine ausprache aber So kann das nicht weiter gehen Die BPJM muss diesmal zu schlagen sonst hört das hier ne auf

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